Im Oktober 2018 erschienen


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Leseprobe aus "Geträumte Welten"


"Wunschzauberfluch"

 

Ein dunkler Schatten fiel durch die offen stehende Küchentür herein. „Das Kind gehört den Göttinnen. Sein Schicksal ist besiegelt“, murmelte die Dorfhexe und humpelte davon.

 

Am späten Abend ihres von allen Menschen vergessenen 16. Geburtstags sitzt Birgit mal wieder bei weit geöffnetem Fenster bibbernd auf der harten Fensterbank. Im Zimmer herrscht völlige Finsternis. Sie hält Ausschau nach Orion, ihrem Lieblingssternbild, und, aber das würde sie angesichts ihres nun fortgeschrittenen Alters keinesfalls zugeben, linst nach Sternschnuppen.

Diese insgeheim besondere Nacht ihres Lebens führt jedoch etwas viel Bedeutenderes als Sternschnuppen herbei. Die Sterne selbst scheinen Birgit einen Schicksalsfaden hinab zu senden, dem die Elbe Elin folgt.

„Du wirst dich erkälten.“

Angesichts der fremden, nahen Stimme in ihrem Zimmer dreht Birgit sich so ruckartig um, dass sie von der schmalen Fensterbank fällt und schmerzhaft auf den grauen Filzboden knallt. „Aaah, aua.“ Ihre Gedanken sprießen derweil ins sinnfreie Kraut, ihre Augen glotzen, ihr Mund öffnet sich ungebeten bis zum Gähnweitenanschlag. Die Erscheinung neben ihrem Klapptisch sieht aus wie Barbie im Hochzeitskleid für Fortgeschrittene. „Ist das ein Mensch? Eine zu groß geratene Fee?“ Birgit versucht ihr Gedächtnis zu durchwühlen. „Eine weiße Hexe? Eine echte Zauberin? Oder – etwa ein Engel ohne Flügel? Dann wäre die einzig mögliche Erklärung: Ich muss gerade gestorben sein.“ Birgit runzelt die Stirn. „Nein, das wüsste ich dann bestimmt.“

Vielleicht 30 Sekunden später erfasst Birgit das absolut Fantastische an der überwältigenden Erscheinung: „Si-ie leu-leuchtet!“

„Mein Name ist Elin. Ich bin eine Elbe.“ Ebenso nüchtern hätte sie sagen können: „Das Wetter bleibt frostig.“

Das darauf folgende Schweigen dauert gefühlt so lange wie die große Pause in der Schule. So sehr sich Birgit bemüht, das ganze Gesicht des fremden Wesens zu erfassen, sieht sie einzig die seltsamsten Augen, in die sie je geblickt hat. Weder feindliche noch freundliche Augen. „Irgendwie komisch unergründlich“, denkt Birgit, während ihr Hinterkopf nach einer logischen Erklärung für die fantastische Szenerie sucht. „Ich muss auf der Fensterbank eingeschlafen sein.“ Gleichzeitig flirrt durch ihre Gedanken: „So merkwürdige Augen.“

„Du, Kind, trägst Sternenlicht in dir.“

Birgits Verstand merkt auf. „Das ist bloß wieder ein Albtraum über meine doofe Mutter!“ Niemand sonst nennt sie ausschließlich Kind anstatt Birgit – oder, na ja, Igitt, in der Schule.

Wäre in dem Augenblick ein höchst selten vorkommender Halbelb anwesend, der ein winziges bisschen über Elben weiß, so könnte jener Halbelb das Mädchen warnen: „Elin verfolgt mühelos all die unausgesprochenen Gedanken in deinem Kopf.“ Doch niemand klopft an die Zimmertür, um Birgit über die peinliche Tatsache aufzuklären. Und die anwesende Elin hält derlei Offenbarung für überflüssig. Elben geben höchst ungern Geheimnisse preis. Auch sonst sind die Lichtgeschöpfe sehr zugeknöpft.

Gerade weist besagte Elbe mit ausgestrecktem Leuchtarm auf die noch herunter geklappte Arbeitsplatte. Buchstäblich aus dem Nichts erscheint dort im schemenhaften elbischen Licht ein Gegenstand. Birgit japst. Gleichzeitig flammt die Deckenlampe auf.

Mäßig erstaunt, da sie fest an einen Traum glaubt, fragt Birgit: „Ein Buch?“

„Ein Geschenk für dich.“

„Ein Geschenk? Für mich?“, wiederholt das Mädchen fassungslos. Selbst für einen Traum ist das ein unvorstellbares Ereignis. Ihre hartherzige Mutter macht Birgit grundsätzlich keine Geschenke, egal ob zum Geburtstag oder an Weihnachten oder auch nur ein Osterei. Deshalb wünscht Birgit sich von erhaschten Sternschnuppen manchmal Dinge wie einen kleinen Fernseher für ihr winziges Zimmer. Im Wohnzimmer, dem Herrschaftssitz ihrer Mutter, befindet sich selbstverständlich ein Fernsehgerät. Doch beides ist für die zähneknirschend geduldete Tochter tabu. „Geh sofort auf dein Zimmer“ und „sei leise“ sind die meist gehörten – halt, nein, es fehlt noch „räum die Küche auf“ – und beinahe einzigen Verlautbarungen der Mutter.

Die Elbe unterbricht ihre abschweifenden Gedanken. „Du solltest jetzt schlafen. Wir unterhalten uns morgen früh weiter.“

„Aber das geht nicht!“, protestiert Birgit viel zu laut. Erschrocken schlägt sie sich die Hand vor den Mund. Hoffentlich hat ihre Mutter das nicht gehört, sonst setzt es ein fieses Donnerwetter. Leise erklärt Birgit: „Samstags muss ich die gesamte Wohnung putzen.“

Doch die Elbe ist bereits verschwunden. Kurz starrt Birgit auf die Stelle ihrer Entscheinung. Dann siegt die Neugier. Rasch rappelt sie sich vom Fußboden auf und greift nach dem Buch. „Oh!“ Auf dem kostbaren weißen Ledereinband ist das Symbol Ying und Yang eingraviert. „Wie wunderschön!“ Behutsam streicht sie mit den Fingern darüber, bevor sie das Buch aufschlägt. Nichts als leere Seiten. „Etwa ein dämliches Kleinmädchen-Tagebuch?“ Also tatsächlich alles nur ein Albtraum. Tief enttäuscht geht sie zu ihrem viel zu kurz gewordenen Kinderbett, faltet ihre Beine unter die Decke und schläft umgehend traumlos ein.

Unsichtbar steht die Elbe Elin, einer Statue gleich, am Fenster und wacht über das auserwählte Menschenkind.


Lilia Joerdis van Luzien


Im März 2017 erschienen

 

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Leseprobe aus "Elbenfürstin", Band 1,

Kapitel 1


„Ich habe ja die Margarine vergessen!“ Darf eine Geschichte wirklich so banal beginnen? Wenn sie die reine Wahrheit erzählen soll, gibt es keine Gnade. Nochmals in die winterliche Eiseskälte hinaus zu müssen war Strafe für Schusseligkeit genug. Da drängte es sich mir geradezu auf, als kleine Belohnung einen Abstecher in Joschs Antiquariat dranzuhängen. Vielleicht wartete dort eine frische Ladung gebrauchter Bestseller, die für kleines Geld meinen ständigen Hunger nach gedruckten Schwarten stillen würden.

 

Der Laden lag in einer kleinen Seitenstraße, wo die Mieten günstig und Kunden rar waren. Josch glänzte, wie so oft, durch Abwesenheit, weshalb neben der abgeschlossenen Kasse eine Blechbüchse stand. Zu meiner großen Enttäuschung standen keine neuen Stöberkisten auf dem Boden. Das Suchen in den bis unter die Decke vollgestopften Regalen hatte ich längst aufgegeben. Josch behauptete zwar, die Bücher seien logisch einsortiert, aber er vertrat auch sonst sehr spezielle Ansichten. Doch in diesem Moment vor die Wahl gestellt, entweder den Rückweg durch den frostigen Berliner Winter anzutreten oder im Warmen die Regale zu durchstöbern, fiel meine Entscheidung schnell. Entschlossen pfefferte ich meine Vermummung aus Mütze, Handschuhen, Schal und Daunenjacke auf die speckig braune Ledercouch. Langsam suchend drehte ich mich um die eigene Achse, seufzte resigniert und ließ mich erst einmal auf die Couch plumpsen. Mein Blick folgte den Bücherreihen an der gegenüber liegenden Wand nach oben. Unter der vergilbten Altbaudecke flatterten dunkelgraue Spinnweben in der aufsteigenden Wärme. „Was für Bücher stehen dort oben eigentlich? Da gelangt doch niemand je hin!“

Plötzlich erschien das Bild einer alten Bibliothek mit reich verzierten, glänzenden Holzregalen vor meinen Augen. Schmale Holzleitern rollten auf unsichtbaren Schienen leise an den Regalen entlang. „Okay, hier und jetzt wenig hilfreich.“ Aber eine Leiter musste Josch dennoch irgendwo haben.

Sie stand, bekleckert mit diversen Farben, hinter dem Wandstück, das wohl irgendwann einmal von einem abgeteilten Hinterzimmer übrig geblieben war. Die Aluleiter wog zwar nicht sonderlich viel, hatte dafür aber die Größe XXL. Die unrühmliche Stelle, an der ich beinahe mit dem Hinterteil des Monstrums in ein Regal gekracht wäre, lasse ich hier lieber weg. Und natürlich wackelte die ausgeklappte Leiter auf den ausgetretenen Holzdielen, als ich vorsichtig mit dem Aufstieg begann. Argwöhnisch nahm ich zuerst mal die Spinnweben aus der Nähe unter die Lupe. Kein vielbeiniges Ekelpaket in Sicht. Dafür drehten mir uralte, muffig riechende Schinken ihre Rücken zu. Teils völlig zerfleddert, ließen sich ihre Titel kaum noch entziffern. Das reichte. Meine Vorliebe für Bücher beschränkte sich ganz klar auf solche Exemplare, deren vorheriger Gebrauch kaum auffiel.

Der Abstieg aus stickiger Höhe gestaltete sich jedoch spektakulärer als vorgesehen. Völlig darauf konzentriert, nach unten zu schauen und vor allem keine Schwingungen zu erzeugen, verhakte sich mein Ärmel. Der unerwartete Widerstand brachte erst mich, dann die Leiter und wir gemeinsam das spillerige Bücherregal ins Wanken. Wo hätte ich mich auch sonst reflexartig festklammern sollen? Luft schnappen und Holzknarren wurden jäh von einem dumpfen Donnerschlag übertönt. Totenstille, ich wagte kaum mehr zu atmen. Immerhin keine Bücherlawine. Ächzend entwich die Luft aus meiner Lunge.

Nach einer gefühlten Ewigkeit schaute ich vorsichtig erst nach oben, wo nun in der obersten Regalreihe ein Loch klaffte. Dann hinunter auf den Dielenboden. Mein Blick haftete sofort an dem einen übergroßen Buch, das meine Odyssee unfreiwillig rabiat zutage befördert hatte. Die logische Frage, wieso aus einer vollgestopften Bücherreihe ein einzelnes Buch herausfallen konnte, kam mir nicht in den Sinn. Mit zittrigen Beinen gelang der Rückzug ohne weitere Zwischenfälle.

Ich ließ die Leiter einfach stehen und ging vor dem Buch in die Hocke. Merkwürdigerweise lag es keinesfalls wie nach einem, wahrscheinlich falsch geschätzten, vier Meter tiefen Sturz da. Vielmehr exakt so, als sei es vorsichtig abgelegt worden. Aber dieser Gedanke flatterte, weitestgehend ignoriert, in meinem Kopf davon. Denn das, was meine Augen sahen, beanspruchte vollste Aufmerksamkeit. Auf dem safranfarbenen Ledereinband lockte eine wunderschöne, zierlich geschwungene Schrift. Ganz offensichtlich in einer mir unbekannten Sprache verfasst, setzte ich mich dennoch neugierig mit dem Buch auf die Couch. Behutsam öffnete ich den Buchdeckel und blickte mit kindlicher Naschhaftigkeit auf exotisch anmutende Buchstaben, die mir ihre Geheimnisse ohnehin niemals verraten würden. Solch eine Schrift hatte ich nie zuvor gesehen und ihre Farbe schillerte, als ob sie in einem Regenbogen geschrieben wäre.

Kurzum, ich wickelte das Buch mangels Tüten in alte Zeitungen und zog mich an. Aber ich konnte Josch unmöglich bloß ein bisschen Kleingeld für dieses Prachtexemplar in die Dose stopfen. Vielleicht sollte ich eine Nachricht hinterlassen. „Auf der bitte was stehen soll? Habe ein Buch mitgenommen, Autor, Titel, Alter und Herkunft unbekannt?“, lästerte mein Alter Ego genüsslich. Nein, ich würde das Buch ganz einfach bei meinem nächsten Einkauf zurückbringen.

Zufrieden verschwand meine unsichtbare Zuschauerin, als sich die Ladentür bimmelnd hinter mir schloss. Der ausgelegte Köder war geschluckt.

 

Lange Zeit später fand ich im schottischen Kloster St. Ninian ein dickes Notizbuch mit dem Titel „Inghean“. Darin befanden sich Aufzeichnungen der Elbe Elin. Sie brachten hartes Licht in manche noch dunklen Ecken dieser Geschichte.

 

Aus dem Buch „Inghean“

 

Wieviele Jahrhunderte sind nutzlos verronnen, seit ich mich zum letzten Mal einem Menschen zeigte? Mir fehlt die Erinnerung. Graue Tage und schwarze Nächte vergingen, zu endloser Untätigkeit verdammt. Meine Seele schmachtet nach Rache an dem Einen. Nun jedoch wurde das Menschenkind erwählt. Warum nur? Warum verschmäht die Fürstin unsere willigen Elbenseelen? Dienerin und Lehrerin zugleich werde ich jetzt sein, um den Kelch für die Ankunft der Fürstin zu formen. Das Licht stehe mir bei!

 


  

Im April 2017 erschienen



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Leseprobe aus "Elbensilber", Band 2,

Kapitel 1


Verführt von Schönheit, Reichtum und eigenem Heim, bedeuteten mir die Geschenke der Sternelben, als ich sie besaß – nichts! Das Märchen vom glücklich sorglosen Mädchen entpuppte sich als unentrinnbare Falle, in der meuchelnde Dämonen auf mich warteten. Die schmeichelnd singende Elbensphäre unterschlug nach Gusto sämtliche Informationen, die mich zum abrupten Spurwechsel auf den vertrackt schwingenden Schicksalspfaden verleiten könnten. Nachdem sie mir, ungefragt selbstverständlich, die Seele der Elbenfürstin Joerdis eingetrichtert hatten, mussten sie lediglich abwarten. Allerdings stellte mein berüchtigter Dickschädel ein echtes Problem dar.

 

Aus dem Buch „Inghean“

 

Selbst die Macht meiner Fürstin versagt bei diesem seltsamen Menschenkind. Traf sie die falsche Wahl? Ist unser aller Schicksal nun besiegelt?

 

Mittlerweile wechselten sich die beiden Elben, Leya und Elin, mit den frühmorgendlichen Unterrichtsstunden ab. Leya weckte mich vorher mit verführerischem Kakaoduft und vermittelte mir ausgebuffte Kühnheit im Kampf. Elin riss als Muntermacher das Fenster in meinem Schlafzimmer weit auf und lehrte mich elegante Geschmeidigkeit. Optisch wirkte das wie akrobatisches Ballett im Zeitraffer.

An diesem Morgen, nach kaum zwei Stunden mit Albträumen gespickten Schlafens, erfolgte die Frischluftvariante. Als ich gähnend quengelte, riss Elin mir die Bettdecke weg.

„Raus!“, brüllte ich absichtlich laut.

Sie erschrak und flüchtete.

 

Ihre Unterweisung auf der Rasenfläche vor meinem Gartenhaus geriet zum Fiasko.

„Lilia, entweder du schaltest deinen Kopf freiwillig ab, oder ich zaubere ihn dir weg“, versetzte die Elbe unwirsch.

„Geht einfach nicht“, schluchzte ich auf, wobei hemmungslos Tränen loskullerten.

„Was ist geschehen?“

Stammelnd produzierte ich drei abgehackte Worte: „Kopf – Kamikaze – Kram.“

Elin besorgte sich sphärenwärts taugliche Auskünfte über die Gründe meines miserablen Gemütszustands.

Danach schlug sie vor, in die Küche zu gehen.

 

Während ich den dampfend heißen Teebecher so fest umklammerte, dass mir fast die Finger verbrühten, schaute ich die Elbe traurig an.

„Du machst dir zu viele Gedanken und Sorgen, Lilia.“

„Sag mir, Elin, was bitte ist der Sinn? Denn ich sehe durchweg nur Chaos, so wie ein gigantisches Puzzle ohne Vorlage.“

Einen schwergewichtigen Grund dafür kannte ich natürlich. Ich weigerte mich weiterhin strikt, mit Elbenfürstin Joerdis, meiner Zwillingsseele, zu sprechen. Also herrschte in puncto Durchblick meiner Innenlage zappenschwarz. Doch jeder Gedanke an die Vorstellung, außer den unverschämten Kommentaren meines Alter Ego auch noch ungebetene Wortmeldungen von Joerdis im Kopf anhören zu müssen, machte mich stinksauer. Ehrlich gesagt, war mein chaotischer Status quo keinen Deut besser. Meine ausströmende Verzweiflung verursachte in der Küche dicke Luft. Passenderweise goss es draußen in Strömen.

Elin sah mir in die Augen. „Wenn dein Herz wahrhaft verzweifelt ist, weinen die Sternelben.“

„Was?“

Der Tee schwappte auf den Küchentisch.

Tatsächlich existierten etliche Legenden, gespickt mit solch herzerwärmenden Ammenmärchen, über die Sternelben. Sie wurden im Laufe der Zeit eigens für die Umgarnung von Mischwesen wie mir erdacht.

„Entschuldige, Lilia, aber du musst langsam deine Macht erkennen.“

„Wie denn, wenn mir nie einer Zusammenhänge erklärt?“, jammerte ich wie Klein Lilia zu ihrer großen Schwester.

„Und warum ist das wohl so?“

Ratlos blickte ich zu ihr auf.

„Weil deine Macht anders und größer ist als die von Leya oder mir. Darum können wir dir weder erklären, zu was du fähig bist, noch was daraus entstehen mag. Wir können es lediglich mit dir gemeinsam herausfinden. Meine Lichtschwestern hingegen fürchten sich über jedes vorstellbare Maß davor, dich unnötig zu verängstigen oder in die Irre zu führen. Allzu oft durchkreuzte ein winziger Schicksalsfaden ihre Pläne und Ziele.“

Schluchzend gestand ich: „Das klingt ungeheuerlich – und gefährlich.“

Elin stritt es nicht ab.

Nur, welcher Art waren die galaktischen Pläne und Ziele der Sternelben?

 

Mitte März brachte der Frühling endgültig Tauwetter und damit eine neue Chance, auf die Jagd nach den verschollenen Elbenamuletten zu gehen. Die mordsbrodelige Berliner Fieberkurve wies kontinuierlich nach unten. Anders ausgedrückt, zeigte das Dämonen meuchelnde Team aus Elin und Leya scheinbar Wirkung. Also verursachte mein Beschluss, in Norwegen das nächste Amulett zu bergen, keinerlei Widerstand.

 

Am letzten Sonntag des Monats flog ich von Berlin über Bergen nach Alta. Ausgerüstet mit der Landessprache, sollte die Unternehmung keine größeren Probleme bereiten – dachte ich. Leider liegen Theorie und Praxis manchmal rein zufällig so weit auseinander wie Galaxien.

Erstens hielt das Taxi mitten in der Pampa, also quasi im Nirgendwo. Weder Baum noch Strauch boten den geringsten Blickschutz für meine Aktion. Zweitens konnte der wartende Taxifahrer zwar bis zum Nordpol gucken. Allerdings fand der alte Mann meine Wenigkeit interessanter, die gerade querfeldein durch gut dreißig Zentimeter tiefen Schnee stapfte. Drittens ignorierte das Amulett meinen zunehmend drängenden Ruf. Also musste ich viertens einen Spaten ‚ordern‘ und schweißtreibend graben. Das wiederum veranlasste den neugierigen Taxifahrer auszusteigen.

Nachdem erst der Schnee, dann kartoffelgroße Kieselsteine und als unterste Schicht tonartige Erde weggeschaufelt waren, knirschte es unter der Spatenspitze. Behutsam schabte ich die restliche Erde von einem Zinkirgendwas mit Deckel in der Größe eines Schuhkartons. „Zink ist magieallergisch?“ Zumindest gab besagter Deckel meinem Ziehen umstandslos nach. In dem zerbeulten Behältnis lag ein angelaufenes Durcheinander an Schmuck und Münzen.

Ja, okay, das schimpft sich Schatz.

Aus meinem Rucksack fischte ich zwei Tüten und teilte, bis auf das Amulett, die Beute in gleiche Teile.

Dem halb verdutzten und halb verdatterten Taxifahrer drückte ich eine Tüte in die Hand. Schweigebeute. Kurz nachdem wir losgefahren waren, bemerkte ich, dass der Alte plötzlich das Gaspedal für sich entdeckt hatte.

Wieder am Flughafen von Alta angelangt, marschierte ich zum Postschalter und erstand ein Päckchen. Darin verstaute ich Schmuck und Münzen, selbstverständlich abzüglich Amulett. Adressiert an das Historische Museum in Bergen, waren die wertvollen Stücke in Windeseile aus der Welt geschafft.

 

Da mein Rückflug erst um 19 Uhr 20 starten würde, gab ich meinem Magen nach, der knurrend Füllbedarf anmahnte. Auf der Suche nach einem Imbiss in den fensterlosen, spärlich ausgeleuchteten Korridoren des Gebäudes nahm, zur Krönung des Tages, ein herumlungernder Dämon meine Lichtspur auf. Sein Gestank verriet ihn noch rechtzeitig.

Mit Ach und Krach lockte ich den Stinkstiefel erst mal in eine verlassene Herrentoilette. Er sah eher wie ein alter, halb verhungerter Lumpensammler aus – bis auf die Peitsche in seiner Hand. Auf jeden Fall agierte der Dämon echt lahm im Vergleich mit seiner Berliner Verwandtschaft. Voll illuminierte Halbelben kannte er schon mal überhaupt nicht. Andernfalls wäre ihm klar gewesen, dass er bereits mit einem Bein in der Hölle stand. Statt geiferndem Angriff servierte er mir einen Ekelhauch. Ich revanchierte mich mit einem gezielten Lichtpfeil dorthin, wo menschliche Wesen ihr Herz haben. Der Rest war Sterben. „Wobei“, sinnierte ich, „kann man solch einen Auflösungsvorgang tatsächlich als Sterben bezeichnen? Das würde mich mal interessieren.“

 

Leya reinigte mein stolzes Mitbringsel, ein ovales Amulett, besetzt mit geschliffenen Amethysten. Dabei schüttelte sie ungehalten den Kopf. Übrigens verwandelte sich Leya mehr und mehr zurück in eine Elbe, zum Beispiel, indem sie sich lautes Sprechen abgewöhnte. Nun stöhnte sie: „Welchen Unterschied soll das beim Sterben für die Seelen machen, woraus ihre Hülle besteht und ob die dann schnell oder langsam versickert? Auf was für Fragen du ständig kommst.“

„Ich hätte da direkt noch eine. Und zwar, wie wir die Amulette zu den verstreuten Elben befördern wollen.“

„Papperlapapp, ungelegte Eier lassen sich nicht ausbrüten“, wischte sie die Frage weg.

Leya hatte also keinen Schimmer!




Im August 2017 erschienen


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Lesestückchen aus "Elbenfluch", Band 3


... Anstelle einer freundlichen Begrüßung fielen die Sternelben umstandslos über Lilia her. „Suche niemals nach dem einen Namen des Dämonfürsten! Frage ihn niemals danach!“, erteilten sie eine vielstimmige, unmissverständliche Warnung. Ihr dramatisch anschwellender Chor drückte weit mehr aus als nur Gefahr. Aus leidgeprüften Erfahrungen wussten die Lichtgeschöpfe, dass die widerspenstige Halbelbe im Zweifelsfall all das ignorieren würde. Daher garnierten sie ihre Warnung mit einem flüchtigen, dennoch Herzschlag aussetzenden Seelenblick auf das Urböse: Unendlich sich ausdehnende Materie, ruhelos und teerig, irgendwo in den geheimen Tiefen des Weltalls pulsierend.

Unbewusst schnappte die junge Frau nach Luft, was die Sternelben zufrieden registrierten.

Ein kurzer sphärischer Verbindungsleerlauf entstand, der Lilias umtriebiges Hirn geradewegs zu der berechtigten Frage inspirierte: „Das da wird also ungemütlich, wenn ich den Namen des schwarzen Fürsten erfahre. Woher wollt ihr wissen, dass dieses Horrorgebilde – was immer es genau sein mag – nicht erst recht sauer wird, wenn ich den Namensträger vernichte?“

Mit dieser Gretchenfrage konnte die junge Halbelbe ihre Unterweltpläne für London erst einmal in die Tonne befördern.



Im März 2018 erschienen


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Lesestückchen aus "Elbenschwur", Band 4


„Eine Amok laufende Elbe? Welch amüsante Vermessenheit. Bringt sie mir!“ Donnernd hallt die brutale Stimme des Dämonfürsten von den kahlen Wänden seiner schottischen Wasserburg wider.

Für den Vernichtungskrieg gegen seine ärgsten Feinde, die irdischen Lichtwesen, kocht der oberste Unterweltler zu schwarzmagischer Hochform auf. Seine perfiden Schachzüge stürzen Lilia van Luzien immer tiefer ins Chaos. Zwar haben sich ihre Freunde inzwischen auf Lightninghouse Castle um die Halbelbe geschart. Doch sind sie zu wenige, um auch nur kleinste Katastrophen zu meistern.

Als wäre das nicht Unheil genug, attackiert der schwarze Fürst genussvoll Lilias Geist. Heimgesucht von Wahnvorstellungen, verliert sie die Rat gebenden Traumbotschaften. Und die vermeintlich ihr treu zur Seite stehenden Elben verraten Lilia durch Freveltaten. In dieser verkeilten Gemengelage kommt der Dämonfürst seinem Ziel teuflisch nahe.

Wird es dennoch zu dem unvermeidlichen Zweikampf zwischen Lilia und dem höllischen Herrscher kommen? Um dorthin zu gelangen, muss die Halbelbe weit über ihre menschlichen Grenzen hinauswachsen. Und sie wird erkennen, dass selbst das Universum manchmal falsch tickt. 




Musik  

 

Johann Sebastian Bach: “Prelude”

Johannes Brahms: “Intermezzo Es-Dur”, "Walzer As-Dur“

Frédéric Chopin: “Nocturne  As-Dur”

Muzio Clementi: "Rondo” (Sonatine Opus 36, Nr. 5)

Edvard Grieg: "Klavierkonzert  A-Moll“ (Opus 16)

Georg Friedrich Händel: "Largo“ (aus: "Xerxes")

Felix Mendelsohn Bartholdy: "Lieder ohne Worte“ (Andante, Opus 67)

Wolfgang Amadeus Mozart: "Andante grazioso“ (Sonate Nr. 11, A-Dur)

Modest Mussorgsky: "Morgendämmerung am Moskwa-Ufer” (aus: "Chowanschtschina")

Johann Pachelbel: “Kanon in D”

Clara Ponty: “Melancholy”

Francis Poulenc: “Élégie”

Sergej Rachmaninow: “Études tableaux” (Opus 33)

Maurice Ravel: “Lever du jour” (aus: "Daphnis et Chloë", Suite Nr. 2)

Nikolai Rimsky-Korsakov: “Scheherazade” (Symphonische Suite, Opus 35)

Franz Schubert: "Adagio E-Dur“

Antonio Vivaldi: “Die vier Jahreszeiten” (Konzert Nr. 4, Opus 8)

Ralph Vaughan Williams: “Fantasia on Greenleeves”  

 


Gedichte

 

Dante Alighieri:                             "Die göttliche Komödie"

Charles Baudelaire:                       "Schwermut“, "Hingabe", "An den Leser" 

Bertolt Brecht:                              "Liebeslied“

Johann Esser / Wolfgang Langhoff: "Die Moorsoldaten"

Johann W. von Goethe:                  "Der Zauberlehrling"

Eugène Guillevic:                          "Das Meer“

Marie Luise Kaschnitz:                  "Juni“

John Milton:                                  "Das verlorene Paradies" 

Edgar Allan Poe:                           "Traumland“

Rainer Maria Rilke:                        "Die Liebende“

Ina Seidel:                                    "Die Zuflucht“

Georg Trakl:                                  "Die junge Magd" 

Daniela Zörner:                              "Vollmond“

   

Geheimnisvolle Akteure

 

Alexis Albin:                der Abwehrende, Elbenfreund

Aneel:                         Einer ohne Farbe

Belian:                        erwählter Jüngling

Byromyr:                     isländische Urhöhle

Cailleach:                    die Verschleierte

Chara:                         Stein der Freude

Corentin (Jay):              Freund

Diarmad:                      Leid

Doraodh:                      Blutstein, Feuersiegel ewiger Knechtschaft

Eilidh:                          Licht

Elin:                            die Leuchtende

Esper:                         Sohn des Sturmes

Fingal:                         schöner Fremder

Georg (Schorsch):        der Wachsame

Gilleabart:                    Versprechen

Gillivray:                       Diener des Urteils

Hormin:                        Lichtschwert

Imya:                           Schicksalsmal der Tränen

Inghean:                       Tochter der Göttin

Jinny:                           weiße Welle

Joerdis van Luzien:        Schwert der Göttin des Lichts

Katja:                           die Reine

Kinnon:                        schön geboren

Konrad (Konny):            kühner Ratgeber

Leya:                           die Treue

Lilia:                            Schönheit und Vollkommenheit

Lyall:                           loyal

Moros:                         Elbenfluch

Muireann:                     meerweiß

Nansaidh:                     Anmut

Naughton:                     rein

Raimund:                      Beschützer nach dem Rat der Götter

Siusaidh:                      liebliche Lilie

Tyr:                              schwarzmagischer Seelenkeil

Uisdean:                       klug                

 

 



 

  

 

 

 

 

 

 Daniela Zörner