Im September 2019 erschienen


 

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Blick ins Buch

 

"Albtraumland": Sind Todesnarren die besseren Einpeitscher? Starb Dornröschen im Hambacher Forst? Welcher Diktator besitzt den Größten? Was macht Waldemar ohne Strom? Können kandierte Früchte eine Staatskrise auslösen? Was soll an Wasser grausam sein? Dürfen Drachen wegen Drohnen streiken?
Zehn querhirnige Stories und ein Gedicht stellen unsere Weltsicht auf die Probe. Unsere Zeit provoziert mit Klimawandel, Kriegen, Autokraten, Datenskandalen und ausufernd Fragwürdigem. Ich antworte mit rabiaten, süffisanten, frechen und traurigen Geschichten.



Im Oktober 2018 erschienen


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in sämtlichen Webshops verfügbar


Leseprobe aus "Geträumte Welten"


"Wunschzauberfluch"

Die Vorgeschichte zu Lilia Joerdis van Luzien


Ein dunkler Schatten fiel durch die offen stehende Küchentür herein. „Das Kind gehört den Göttinnen. Sein Schicksal ist besiegelt“, murmelte die Dorfhexe und humpelte davon.


Am späten Abend ihres von allen Menschen vergessenen 16. Geburtstags sitzt Birgit mal wieder bei weit geöffnetem Fenster bibbernd auf der harten Fensterbank. Im Zimmer herrscht völlige Finsternis. Sie hält Ausschau nach Orion, ihrem Lieblingssternbild, und, aber das würde sie angesichts ihres nun fortgeschrittenen Alters keinesfalls zugeben, linst nach Sternschnuppen.

Diese insgeheim besondere Nacht ihres Lebens führt jedoch etwas viel Bedeutenderes als Sternschnuppen herbei. Die Sterne selbst scheinen Birgit einen Schicksalsfaden hinab zu senden, dem die Elbe Elin folgt.

„Du wirst dich erkälten.“

Angesichts der fremden, nahen Stimme in ihrem Zimmer dreht Birgit sich so ruckartig um, dass sie von der schmalen Fensterbank fällt und schmerzhaft auf den grauen Filzboden knallt. „Aaah, aua.“ Ihre Gedanken sprießen derweil ins sinnfreie Kraut, ihre Augen glotzen, ihr Mund öffnet sich ungebeten bis zum Gähnweitenanschlag. Die Erscheinung neben ihrem Klapptisch sieht aus wie Barbie im Hochzeitskleid für Fortgeschrittene. „Ist das ein Mensch? Eine zu groß geratene Fee?“ Birgit versucht ihr Gedächtnis zu durchwühlen. „Eine weiße Hexe? Eine echte Zauberin? Oder – etwa ein Engel ohne Flügel? Dann wäre die einzig mögliche Erklärung: Ich muss gerade gestorben sein.“ Birgit runzelt die Stirn. „Nein, das wüsste ich dann bestimmt.“

Vielleicht 30 Sekunden später erfasst Birgit das absolut Fantastische an der überwältigenden Erscheinung: „Si-ie leu-leuchtet!“

„Mein Name ist Elin. Ich bin eine Elbe.“ Ebenso nüchtern hätte sie sagen können: „Das Wetter bleibt frostig.“

Das darauf folgende Schweigen dauert gefühlt so lange wie die große Pause in der Schule. So sehr sich Birgit bemüht, das ganze Gesicht des fremden Wesens zu erfassen, sieht sie einzig die seltsamsten Augen, in die sie je geblickt hat. Weder feindliche noch freundliche Augen. „Irgendwie komisch unergründlich“, denkt Birgit, während ihr Hinterkopf nach einer logischen Erklärung für die fantastische Szenerie sucht. „Ich muss auf der Fensterbank eingeschlafen sein.“ Gleichzeitig flirrt durch ihre Gedanken: „So merkwürdige Augen.“

„Du, Kind, trägst Sternenlicht in dir.“

Birgits Verstand merkt auf. „Das ist bloß wieder ein Albtraum über meine doofe Mutter!“ Niemand sonst nennt sie ausschließlich Kind anstatt Birgit – oder, na ja, Igitt, in der Schule.

Wäre in dem Augenblick ein höchst selten vorkommender Halbelb anwesend, der ein winziges bisschen über Elben weiß, so könnte jener Halbelb das Mädchen warnen: „Elin verfolgt mühelos all die unausgesprochenen Gedanken in deinem Kopf.“ Doch niemand klopft an die Zimmertür, um Birgit über die peinliche Tatsache aufzuklären. Und die anwesende Elin hält derlei Offenbarung für überflüssig. Elben geben höchst ungern Geheimnisse preis. Auch sonst sind die Lichtgeschöpfe sehr zugeknöpft.

Gerade weist besagte Elbe mit ausgestrecktem Leuchtarm auf die noch herunter geklappte Arbeitsplatte. Buchstäblich aus dem Nichts erscheint dort im schemenhaften elbischen Licht ein Gegenstand. Birgit japst. Gleichzeitig flammt die Deckenlampe auf.

Mäßig erstaunt, da sie fest an einen Traum glaubt, fragt Birgit: „Ein Buch?“

„Ein Geschenk für dich.“

„Ein Geschenk? Für mich?“, wiederholt das Mädchen fassungslos. Selbst für einen Traum ist das ein unvorstellbares Ereignis. Ihre hartherzige Mutter macht Birgit grundsätzlich keine Geschenke, egal ob zum Geburtstag oder an Weihnachten oder auch nur ein Osterei. Deshalb wünscht Birgit sich von erhaschten Sternschnuppen manchmal Dinge wie einen kleinen Fernseher für ihr winziges Zimmer. Im Wohnzimmer, dem Herrschaftssitz ihrer Mutter, befindet sich selbstverständlich ein Fernsehgerät. Doch beides ist für die zähneknirschend geduldete Tochter tabu. „Geh sofort auf dein Zimmer“ und „sei leise“ sind die meist gehörten – halt, nein, es fehlt noch „räum die Küche auf“ – und beinahe einzigen Verlautbarungen der Mutter ...

 

 

 Am Anfang steht der erste Satz. Fröhlich? Traurig? Voller Hast? Nur eines darf er niemals sein: schnöde wie ein Knittelreim.